Rassenquoten im Sport in Südafrika

Der Sieg der Rugby-Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften in Frankreich am 14. Oktober hat in Südafrika die jahrelange Diskussion zum Für und Wider von Quoten im Sport neu entfacht. Das südafrikanische Team hatte im Finale 13 weisse und 2 farbige Spieler (Petersen und Habana) auf dem Feld, keinen einzigen schwarzen - für viele eine Provokation.

Coach Jake White hatte sich in den vier Jahren seiner Amtszeit erfolgreich gegen den Druck von Politikern und Verbandsfunktionären gewehrt, das strikte Prinzip von Leistung zu verwässern und zum Zweck “politischer Korrektheit” die Zahl weisser Spieler zu limitieren.

Nun hat eine überraschende Wende gegeben. Erst war es Sportminister Makhenkesi Stofile, der am 6. November vor dem Sportausschuss des Parlaments verkündete, das Quoten-System für National-Mannschaften müsse beseitigt werden. Zwei Tage danach folgte Staatspräsident Thabo Mbeki höchstpersönlich. In einer parlamentarischen Fragestunde hielt er ein heftiges Plädoyer gegen Quoten und für das Leistungsprinzip bei der Selektion von Spitzenteams. Und so ging die gute Botschaft gleich zweifach um die Welt: “quota system is out”. Das ist indes nur bedingt richtig. Denn es wird sich auf der Ebene unterhalb nationaler Mannschaften nichts ändern. Wenn man sich die politischen Statements von Stofile und Mbeki genauer ansieht, kann man sogar davon ausgehen können, dass sich dort der Quotenwahn nun noch stärker festsetzen wird.

Nach Beseitigung der Apartheid verfolgen die neuen Machthaber vorrangig ein politisches Ziel: Transformation des Landes in allen Teilen, in allen Bereichen, auf allen Ebenen. Dies bedeutet, dass sich überall die demografische Struktur der Gesellschaft widerspiegeln soll. In den Betrieben, in der Verwaltung, in Schulen und Universitäten und eben auch im Sport. In einem Land, in dem Apartheid die weisse Minderheit gezielt begünstigt und die Mehrheit bewusst benachteiligt hat, ist dieses Ziel vom Ansatz her verständlich und akzeptabel. Die Frage muss aber erlaubt sein, ob dies in der gegenwärtig praktizierten Form vernünftig ist und ob es den “previously disadvantaged” wirklich hilft. Es fehlt nicht an Belegen, die Fragezeichen setzten. Und es gibt Anzeichen, dass die Kritiker zahlreicher werden und dass hier und da der Rückzug eingeleitet wird. Der Sport hat hierzu das jüngste Beispiel geliefert.

Es gibt drei Mannschaftssportarten, die in Südafrika besonders populär sind: Cricket, Rugby und Soccer (Fußball). Cricket und Rugby waren in der Vergangenheit eine Domäne der Weissen, Soccer der Sport der Schwarzen. Die Farbigen tendierten zum Rugby, während die Inder dem Cricket nahe standen. Auf der Weltbühne, auf die Südafrika erst 1991 zurückkehren durfte, war das Land nur mit Cricket und Rugby erfolgreich; das Soccerteam ist nur unteres Mittelmaß. Daher erschien es folgerichtig, bei diesen beiden Sportarten den Hebel zur Transformation besonders intensiv anzusetzen. Politischer Druck führte dazu, dass sich der Cricket-Verband schon 1999 eine “Transformation Charter” gab. Auf 77 Seiten wurde u.a. ein Quotensystem eingeführt.

Auf nationaler und auf Provinz-Ebene waren mindestens vier nicht-weisse Spieler einzusetzen. Darunter haben die Teams zu 50% aus Spielern mit Farbe zu bestehen, von denen mindestens einer schwarz zu sein hat. Zwar hat der Cricketverband am 7. Juli 2002 die Quotenregelung für National- und Provinzteams wieder beseitigt (weil es auch ohne diese genügend Spieler mit dunkler Hautfarbe geben werde), nicht aber für den unteren Bereich. Und auch im Rugby gibt es Vereinbarungen zwischen Politik und Verband zur Transformation einschliesslich Quotenregelungen; diese sind allerdings nicht so leicht fassbar und unterscheiden sich von Wettbewerb zu Wettbewerb. So kommt es vor, dass ein unzureichend “repräsentatives” Team Strafpunkte erhält oder ein Sieg aberkannt wird, wie es gerade vor ein paar Tagen das Rugby-Team der “Valke” im ABSA-Currie-Cup erleben musste (12:10 Sieg gegen die “Golden Lions”, aber nicht genügend Spieler mit Farbe in der zweiten Halbzeit).

Das Quoten-System ist also keineswegs “out”, sondern nur bei Spitzenmannschaften, die im internationalen Wettbewerb stehen. Stofile und Mbeki haben sich nur gegen diese Quotenregelung gewandt, im Übrigen bei ihren Statements aber betont, dass der Transformationsprozess beschleunigt werden müsse. Deshalb sei mehr Geld(er) in den Schul- und Breitensport zu stecken. Eine durchaus nahe liegende Erkenntnis, die auch Jake White immer schon propagiert hatte. Denn wenn in den schwarzen Wohngebieten keine Cricket- und Rugby-Felder sind, wenden sich die Jugendlichen eben dem (Straßen-)Fußball zu. Erst wenn überall der gleiche Zugang möglich ist, dann – so haben beide das wohl ganz richtig erkannt – ergibt sich ein repräsentatives Team von ganz alleine. Bis dahin ist der Weg aber noch weit. Und deshalb ist die Prognose nicht weit hergeholt, dass die Quotensysteme auf den unteren Ebenen eine noch wichtigere Rolle spielen werden. Wenn der “Quoten-Spieler” in der Schul- oder Vereinsmannschaft einen sicheren Platz in Aussicht hat, wird er sich diesem Sport vielleicht eher zuwenden. Ob das dem Spitzensport hilft, darf bezweifelt werden. Aber die Transformation kommt voran.

Welche Blüten das Quotensystem schlägt, konnte Anfang Juni 2007 besichtigt werden. Rugby-Präsident Oregan Hoskins hatte sich in die Auswahl der Mannschaft für das Spiel gegen Samoa eingeschaltet und die Einbeziehung von Luke Watson gefordert. Coach Jake White lehnte ab, und plötzlich war die Personalfrage ein Politikum. Denn Watson ist zwar weiss, besitzt aber die “Gnade der richtigen Geburt”; sein Vater Cheeky Watson war berühmter Anti-Apartheid-Aktivist, der sich geweigert hatte, in der damaligen Rugby-Nationalmannschaft zu spielen. So wurden Stimmen laut, man könne ihn auf die – offiziell nie beschlossene – Schwarzenquote anrechnen: Luke Watson, der “Ehren-Schwarze”.

Artikel: Dr. Günter Pabst