Kloofing in Kapstadt

sa flag 80x80 Kloof heißt auf Afrikaans die Schlucht, und folglich wird das "Canyoning" des englischen Sprachraums im Land der Buren "Kloofing" genannt. Da die Hochsommer zum "echten" Bergsteigen wenig geeignet sind - auf dem 34. Breitengrad kann ein voller Tag an der Sonne ernste Schäden verursachen - weicht man in die schattigen Täler der Cape Fold Mountains aus. "Kloofing", ein immer beliebter werdender Sport, bedeutet:

Nur mit Bikini oder Badehose und Socken und Bergschuhen bekleidet geht's samt wasserfestem Rucksack den sonnenheißen Berg hinauf, bis hin zum Ursprung eines klaren Gebirgsbaches -und dann den "Kloof" dieses Baches hinunter, von Stein zu Stein kletternd, watend, schwimmend und ... von überhängenden Felsnasen in die tiefen dunkelblauen Pools springend.

kloofing-suedafrikaBergsteigen ist nicht einfach ein Leistungssport, sondern eine Lebenseinstellung. Selbst wenn man den aktiven Sport aufgegeben hat, verliert man nicht die Zähigkeit, die Naturliebe und den Hang zu sporadischer Selbstkasteiung. Früher in den Alpen hatte ich keinen Grund gesehen, eiskalte Bäche von innen zu erleben, doch in Afrika überzeugt mich die feucht-schattige Abwärts-Version der Bergsteigerei.

Nach einem ersten Kloofing per Luftmatratze in einem harmlosen Bach ergreife ich die Gelegenheit, die tiefste Schlucht am höchsten Berg der Kapregion zu begehen, die Groothoek-Kloof am 2300 m hohen Matroosberg. Zehn Kilometer Länge mit 1300 m Höhendifferenz.

Zwei ausweglose Tage in Wasser und Busch, in schwerem Geröll und beklemmender Tiefe. Nichts geht in den Bergen Südafrikas ohne Zustimmung des Landbesitzers. Auf seiner Farm besorgen wir uns das Permit für die Begehung der Schlucht, dann steigen wir auf bis kurz unter den Gipfel des Matroosberges. Der Einstieg von einem Joch über steilen und splittrigen Schutt verlangt eine gute Balance und stabile Knöchel, da wir in Turnschuhen unterwegs sind - ohne geschulte Reflexe wäre man aufgeschmissen. Bald wird das Gelände hochalpin und wir erreichen die ersten Abseilstellen. Der obere Teil der Schlucht ist im Sommer trocken, doch im Bachbett findet sich Unrat, wie ihn nur Schneelawinen hinterlassen - abgeknicktes Gehölz und zerschmettertes Wild.

Unfall und Rückzug

Wir legen die Gurte an und beginnen mit unserem Handwerk. Als ich unterhalb der zweiten Länge das Seil abziehe, werde ich unterbrochen: "Lass hängen, vielleicht brauchen wir es noch." Erst jetzt fällt mir auf, dass George am Boden nicht ausruht, sondern käseweiß sein Knie inspiziert. "Ich habe mir gerade die Kniescheibe abgeschert." Beim Abseilen ist er seitlich weggerutscht und an einer Kante hängen geblieben. Das Knie ist blau unterlaufen, und er kann seine Kniescheibe fast nach Belieben herumschieben.

kloofing-kapstadtZehn Minuten nach dem Unfall lässt seine körpereigene Betäubung nach, er beginnt vor Schmerz zu stöhnen. Ich biete ihm meinen Voltaren-Vorrat an, genau 4 Tabletten. "Nimm zwei jetzt und den Rest morgen." Gut gemeint - er isst sie gleich alle auf. George wird wissen was er tut, er ist Arzt. Als solcher hat er ein Betäubungsmittel dabei, das er sich jetzt unter die Kniescheibe spritzt. Schon während er die Nadel abzieht, entspannt er sich und seufzt erleichtert. Zum Glück sind wir erst 200 m unter dem Einstieg, ein Rückzug ist noch möglich. Roger und Barry steigen ihm die beiden Felsstufen vor, er jümart auf dem gesunden Bein nach.

Dann kann er allein hinauf zum Sattel hinken; von dort wird er den Farmer telefonisch bitten, ihn per Geländewagen herauszuholen. Acht Seillängen sind im oberen Drittel des Canyons zu bewältigen, unterbrochen von Schutthalden und flacheren Geröllpassagen. Bei Dämmerung erreichen wir den Biwakplatz, einen von Baumfarnen beschatteten Felskorridor am Rand der Hauptschlucht. Nach dem Essen machen Whisky, Oliven und das Trockenfleisch Biltong die Runde. Trotz klarer Nacht wird es stockfinster, denn die gewaltig aufragenden Wandfluchten lassen nur einen schmalen Streifen des Südhimmels frei. Über uns schweigen 1000 Meter senkrechte Wildnis, aus der es kein Entkommen gibt. Wir genießen die Freiheit des Gefangenseins.

Wasserfall und Waschmaschine

Bei Tagesanbruch können wir uns gemütlich warmlaufen, ein längeres Flachstück wird von einem zauberhaften, Jahrhunderte alten Schluchtwald bestanden. Diese Baumart heißt Kap-Stechpalme, auf englisch Cape Holly. Das Gehölz ist also ein "Holly-wood", und in der Tat wäre es die Idealkulisse für eine Filmromanze - allerdings mit knallharter Action als Rahmenhandlung. Unvermittelt folgt ein Abbruch und damit der Höhepunkt der Tour:

Fünf Abseilstellen durch ebenso viele Wasserfälle. Das Wasser ist sommerlich temperiert, und da genügend Warte- und Gehzeit die technisch anspruchsvollen Seilfahrten unterbricht, können wir trocknen und bleiben warm. So kann ich die atemberaubende Szenerie genießen: Kristallklare Tümpel unter farnbewachsenen Felswänden, zwischen denen tonnenschwere Klemmblöcke die Atmosphäre verdichten.

Als wir direkt in den tiefsten aller Tümpel abseilen, der den Füßen keinen Grund bietet, gerät Janine in Panik, weil sich der 15-Kilo-Rucksack beim Schwimmen ungehörig benimmt: Statt wie üblich nach hinten zu ziehen, drückt er nach vorne und somit den Kopf unter Wasser. Schreiend kämpft sie um Luft - erst als sie unsere Zeichen befolgt, den Schwerenöter abzustreifen, bekommt sie wieder Oberwasser.

kloofingAm Ende dieser Passage verflacht das Gefälle der Schlucht, wir nähern uns dem Niveau des Talgrundes. Nach dem fünften Wasserfall ziehe ich, bis zum Bauch im Wasser stehend, letztmalig das Seil ab. Plötzlich - Bumm. Was war das denn? Und wieder - Bumm. Ein dumpfer Knall übertönt das Rauschen des Baches. Als ich die anderen einhole, löst sich das Rätsel. In hohem Bogen fliegt ein Rucksack in die Tiefe und knallt aufs Wasser. Die Obertöne der spritzenden Gischt gehen im Rauschen des Wassers so vollständig unter, dass man nicht einmal das Platschen des ihm folgenden Springers wahrnimmt.

Dieser Dreimetersprung markiert den Beginn der "Waschmaschine": Insgesamt 24 Pools, die schwimmend oder mindestens brusttief zu durchqueren sind, werden von grobem Geröll getrennt. Doch bevor man mit Hilfe der Felshopserei Körperwärme generieren kann, steht bereits der nächste Waschgang an. Morgens um zehn ist das reichlich erfrischend. In der aufkommenden Tageshitze macht es richtig Laune.

Gegen später hilft es, die Tour als Training für den nächsten Triathlon zu betrachten ... gegen Ende aber artet es definitiv zum Gewaltmarsch aus. Hört diese Waschtrommelei denn nie auf? Kaum einer erreicht die Talsohle ohne Schlotter-Anfälle, Wasserschlucken oder blutige Schrammen. Abschließend hat man sich dem filzigen Unterholz der letzten drei Kilometer zu stellen, bis endlich der Schluchtausgang erreicht ist. Ach ja, das englische "bushwhacking" heißt in Südafrika "bundu-bashing". Gut zu wissen.

Am Ende der Groothoek-Kloof erreichen wir eine Farm im Tal des Hex River, wo wir meinen VW-Bus geparkt haben. Der Farmer, der unseren Führer Roger von einer gemeinsamen Begehung kennt, empfängt uns mit ein paar Kisten feinster Tafeltrauben. Trotzdem: Alles in allem ist dieses Kloofing ein recht derber Spaß. Aber die Südafrikaner sind ja auch Weltmeister im Rugby.

Kloofing: Den eigenen Mut erproben

Für viele ist dies eine große Herausforderung, weil es Bergsteigen, Abseiling, Wandern und andere sportliche Betätigungen beinhaltet. Organisierte Touren führen in das Gebiet um den Tafelberg, manchmal auch in andere Regionen Südafrikas. Anbieter von Kloofing-Abenteuern ist Downhill Adventures, (Shop 1, Overbeek Building, Ecke Orange/Kloof Street, Cape Town 8001, Tel. (021) 422-0388). Wie Wellen erstrecken sich von Kapstadt ins Landesinnere hinein hohe nicht endenwoliende Bergketten, die "Berge von Afrika", wie sie die alten Siedler nannten. Riesiggroße zum Teil noch völlig unberührte Gebiete, Felsen, Fynbos, Gebirgsbäche und vor allem unzählige Schluchten, hier in Südafrika "kloof" genannt.

Big Jump in Kapstadt

In Sichtweite von Kapstadt gibt's eine Unzahl solcher Kloofs: den Suicide Gorge zum Beispiel oder den Kamikaze Canyon, den Kloof am Tredoux Pass bei Barrydale mit dem 14 Meter Sprung vom Kliff hinunter in den eiskalten Pool, immer mit den Socken und den Bergschuhen an.

Man erzählt sich abends am Lagerfeuer tolle Geschichten vom "big jump" im Rivier-sonderend Kloof, vom spektakulären Viermuis Pool im Grootkliphuis Kloof oder von "The Witels", die am Mitchell's Pass zwischen Ceres und Wolseley beginnen und über 20 Kilometer Strecke führen. Zwei ganze Tage brauchen dazu die fittesten Sportler, der Naturliebhaber (und auch das ist ein wichtiger Aspekt beim Kloofing) nimmt sich fünf Tage Zeit... und verzichtet nicht auf den wunderschönen Abstecher den Waaiuoek Berg auf der Südseite hinauf und dann die Nordseite hinunter, um den Kloof an seiner höchsten Stelle zu erreichen. Witeis verlangen in normalen Sommermonaten nicht weniger als 15 Strecken, die durchschwömmen werden müssen, dazu viel Waterei und manch einen mutigen Sprung.

Im Winter, nach den ersten Regenfälien, sind die Kloofs unpassierbar, zu wild schießt hier das eisekalte Wasser die Steilhänge hinunter. Aber dieser Sport verlangt sowieso bei allem nötigen Mut und viel Selbstüberwindung sehr viel Vorsicht, Umsicht und Verantwortungsgefühl, denn selbst eine kleine Verletzung, ein verstauchter Fuß, ein gebrochenes Bein, ein Schlangenbiss kann zu katastrophalen Foigen führen, hier in der Wildnis, weit weg von jeder ärztlichen Hilfe. So liegen zum Beispiel viele Kilometer des Grootklip-huis Flusses in einer mehr als 100 Meter tiefen Schlucht und die Felswände links und rechts führen senkrecht hoch.

Kloofing heißt "nach vorn", hier gibt es kein Zurück!

Suicide Gorge Cliff Jumping video