Mit dem "Blue Train" von Kapstadt nach Pretoria (Reisebericht)

Quer durch Südafrika auf dem Plüschsessel

Wer hat nicht schon von ihm gehört, dem legendären „Blue Train“? Er ist einer der letzten Luxuszüge dieser Welt, wenn nicht der Luxuszug überhaupt. Kaum eine Südafrika-Broschüre, die ihn nicht erwähnt. Überall prangt seine tiefblaue Farbe auf Plakaten, in Magazinen und Reiseberichten.

Lange Zeit galt der Zug als einziger Standard für exklusivstes Eisenbahnreisen. Dieser Zug war es, der 1923 als „United Limited“ (Jo‘burg – Kapstadt) bzw. „United Express“ (Kapstadt – Jo‘burg) die Ideen von einem einzigartigen, alle Annehmlichkeiten bietenden und Exklusivität voraussetzenden Eisenbahnvergnügen vereinte. Alle Waggons boten damals schon mehr als „First Class“. Seine saphirblaue Farbe brachte es dann mit sich, dass der Zug im Volksmund nur noch „Blue Train“ genannt wurde.

ABOARD THE WORLDS MOST LUXURIOUS TRAIN - BLUE TRAIN SA

In den 1980er Jahren verdiente er allerdings nicht mehr in allen Belangen den Anspruch, der „beste und luxuriöseste Zug der Welt“ zu sein. Doch eine grundlegende und seither regelmäßige Restaurierung der Waggons lässt den „New Blue Train“ in neuem Licht erscheinen und rechtfertigt die ehemaligen Lobeshymnen wieder. Die Federung wurde grundlegend verbessert, die Abteile erhielten eine neue Möblierung, moderne Kommunikationseinrichtungen wurden installiert (jedes Abteil hat eine schnurlose Telefonverbindung mit dem Butler), eine Kamera auf der Lok zeigt über Monitore in jeden Raum, was sich da draußen tut. Die Gastronomie serviert alle Leckereien des Landes, und die erlesene Weinkarte wurde bereits mehrfach prämiert. Im „Blue Train“ versucht Südafrika, sich von seiner wirklich angenehmsten Seite zu zeigen, frei nach dem Motto: „Im Plüschsessel durch Südafrika“. Natürlich muss man dieses Vergnügen sehr teuer bezahlen.

Die 24 Stunden Zugfahrt kosten so viel wie 2 Rückflugtickets nach Südafrika. Eine Fahrt mit diesem Zug, für Viele vielleicht ein lang gehegter Wunschtraum, schröpft die Reisekasse also ganz schön. Aber – einmal im Leben ....

Die Route des Blue Train in Südafrika

Route: Der „Blue Train“ fährt zuerst durchs (nördliche) Weinanbaugebiet bei Paarl und Tulbagh, um dann durch das obere Breede River-Tal sowie hinter den Elandskloof- und Slanghoek-Bergen nach Worcester zu gelangen. Parallel zur N1 geht es dann hinein in die Karoo mit Stopp (und kurzem Rundgang/Ausflug bei nordwärts fahrenden Zügen) in Matjiesfontein. Orte wie Beaufort West, Hutchinson und De Aar werden i.d.R. bei Dunkelheit passiert. Gleiches gilt für Kimberley. Für die südwärts fahrenden Züge dagegen ist ein Aufenthalt mit Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Kimberley vorgesehen. Die Süd-Nord-Strecke führt nun über Warrenton, Klerksdorp, Potchefstroom in das Ballungsgebiet von Johannesburg. Die Millionenstadt wird aber nur umfahren.

Streckentagebuch "Blue Train": ein Erlebnisbericht einer Eisenbahnfahrt in Südafrika

Freitag, 9h45:

Heute erfüllen wir uns einen langgehegten Traum: eine Fahrt mit dem „Blue Train“. Doch die Anfahrt zum Kapstädter Bahnhof ist nicht gerade die richtige Einstimmung für ein solches Erlebnis. Wir quälen uns durch den vormittäglichen Verkehrsrummel, ein Albtraum. Erst die letzten Meter vor dem Seiteneingang am Bahnhof, der eigens für den „Blue Train“ reserviert ist, beruhigen uns wieder. Taxis, Minibusse, Straßenhändler, Parkplatzsuchende und hektische Geschäftswelt bleiben zurück, freundliche, livrierte Pagen nehmen unser Gepäck in Empfang, eine nette junge Dame führt uns in die „Blue Train-Lounge“. Hier drinnen vergisst man schlagartig die Tristesse des Kapstädter Bahnhofs: ausladende Plüschsessel, Blumen, silberne Tabletts mit unwiderstehlichen Pastetchen, Kaffeeduft in der Luft, eisgekühlter Sekt – und geradeaus der erste Blick durch die Tür auf das Saphirblau des Zuges. Doch zuerst heißt es am Schalter einchecken. Kurz danach führt man uns Reisende auf den Bahnsteig. Auch hier wieder alles grau in Grau, wenig Licht, Betonboden, so ein bisschen Paketverladungsatmosphäre. Nichts deutet darauf hin, dass man sich gerade anschickt, eine sündhaft teure Luxusreise durch Südafrika anzutreten.

Dann aber: unser Abteil. Wir betreten eine ganz andere Welt. Holz, wohin man schaut, saphirblaue Plüschsessel, das Bad mit kupfernen Armaturen und sogar einer Badewanne (das haben längst nicht alle Abteile). In der nächsten Viertelstunde wird nur ausprobiert, auf Knöpfe gedrückt, alles untersucht. Dann kommt Nozipho, unsere ausgesprochen charmante Butlerin. Sie klärt uns darüber auf, dass die Fensterjalousien mit der Fernbedienung für den Fernseher zu öffnen und zu schließen sind. Fernzusehen hatten wir eigentlich auf dieser Reise nicht vor, aber wieder eine Überraschung: Auf Kanal 1 zeigt der Bildschirm, wie es jeweils vor der Lok aussieht, also immer wieder spannende Momente vor der nächsten Kurve, in der man dann den ganzen Zug im Blick hat. Die Fenster kann man aber leider nicht öffnen. Ein Manko, wie sich später rausstellen wird.

Freitag, 11h:

Pünktlich und ohne viel Aufhebens setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Woodstock und andere Industriebezirke ziehen am Fenster vorüber. Der für Eisenbahnfahrten so typische Hinterhofausblick gehört auch in Südafrika dazu. Weit hinten rechts erkennen wir noch die Spitze des Table Mountain. Wie gemächlich der „Blue Train“ seine Reise beginnt, erkennen wir an den uns überholenden Vorortzügen, aus denen die Kids winken und ihre Faxen machen. Was sie wohl davon halten, uns in diesem Luxuszug zu sehen? Ein wenig später zweigen die Gleise in die Townships ab, und unser Zug nähert sich langsam den Bergen. Die letzten Vororte der „Mother City“ ziehen vorüber.

Freitag, 11h30:

Nazipho weist uns geduldig in alles ein, sie versichert, rund um die Uhr für uns da zu sein. Da kommt auch schon der nächste Besucher: Der Train-Manager, verantwortlich für die 29 Personen starke Service-Mannschaft des Zuges, macht seine Aufwartung und kündigt den Oberkellner, der uns mit den kulinarischen Gepflogenheiten bekannt macht.
Auf die Frage, ob „Early-“ (12h bzw. 19h) oder „Late-Seating“ (14h bzw. 21h), entscheiden wir uns für die späteren Mahlzeiten – für den Lunch sicher eine gute Wahl, rächt sich diese dann jedoch beim kalorienreichen Dinner, das uns bis Mitternacht noch schwer im Magen liegt.

Freitag, 11h45–14h:

Da der Huguenot Tunnel nur für Autos ausgelegt wurde, muss die Eisenbahn noch immer nördlich um die Berge herumfahren. Eigentlich schön. Bestückt mit einer leckeren Flasche Wein, können wir so die Ausblicke auf Weinberge, Obstplantagen und Bergwelt in Ruhe genießen, platte Nasen inklusive. Kurz vor Worcester passieren wir den entgegenkommenden „Karoo Express“. Wir haben Vorfahrt. Bei langsamem Tempo ergeben sich Winkgelegenheiten und kurze Einblicke in das, was unseren Zug so besonders macht. In Worcester macht der Zug kurz halt. Der vorangegangene Güterzug hatte ein wichtiges Päckchen vergessen. Ganz unbürokratisch wird dieses verladen.

Freitag, 14h:

Der Wein macht sich bemerkbar, und das Frühstück liegt auch schon eine Weile zurück. Kurz: Wir haben Hunger. Also schreiten wir zum Lunch. Das Tafelsilber blitzt im Sonnenlicht. Die Karte präsentiert Krabbencocktail, Suppe, Karoo-Lamm, Käse und Kuchen. Den Käse lehnen wir dankend ab: Was nicht geht, geht eben nicht, selbst nicht mit einer neuen, erstklassigen Flasche Wein, die man Maudia, unserem umsorgenden und gut informierten Kellner, wohl kaum hätte abschlagen können. Der anschließende Kaffee in der Club Lounge tut gut, sonst hätten Kalorien und der Wein uns schon beim Durchfahren des Hex River Valley in die Waagerechte befördert. Noch während des Kaffeetrinkens wird es dunkel – nanu? Erst ein Tunnel, dann noch einer und schließlich der längste: 20 Minuten braucht der Zug, um die fast 14 km Dunkelheit zu passieren. Die Lokkamera warnt uns dann aber rechtzeitig vor dem ersten Lichtschein am Ende des Tunnels. Vor so viel Sonne muss man die Augen fest zukneifen.

Freitag, 14h45:

Matjiesfontein ist noch eine knappe Stunde entfernt, die Karoo haben wir bereits nach dem Tunnel begrüßt – ein kleines Nickerchen kann zu dieser Zeit und in dieser Gemütslage also nicht schaden!

Freitag, 16h35:
Beinahe hätten wir verschlafen. Alle Passagiere sind schon aus dem Zug gestiegen und haben den pittoresken Ort Matjiesfontein erobert, der einzig von der Eisenbahn und einem Hotel lebt. Es wird eine Ortsrundfahrt mit einem alten Londoner Doppeldeckerbus angeboten, wir wollen uns lieber ein bisschen die Beine vertreten. Auch den anberaumten Sherry-Umtrunk im „Lord Milner Hotel“ verkneifen wir uns. Genug ist genug (s.o.). Dafür nehmen wir uns die Zeit, den „Blue Train“ von außen zu betrachten. Wir laufen vor zur Lok, halten ein Schwätzchen mit dem Lokführer und haben dann immer noch fast 30 Minuten Zeit für das historische Museum im Bahnhofsgebäude. Wir kennen es zwar schon, interessieren uns nun aber besonders für die Eisenbahnabteilung. Einige historische Bilder zeigen den ersten „Blue Train“.

Freitag, 17h15:

Wieder fast unmerklich verlässt der Zug den Bahnhof. Kein Pfeifen, kein Tuten, nichts. Woher wissen die wohl, ob alle wieder an Bord sind? Doch die ewig weite Landschaft der Karoo lässt unsere Gedanken schnell abschweifen. Auch die Kamera wird seltener zur Hand genommen. Jetzt beginnen wir, die Atmosphäre so richtig zu genießen. Verträumt schauen wir aus dem Fenster, lesen zwischendurch ein paar Zeilen über die Region und nippen hin und wieder an dem Rest Wein aus Flasche 1. Gelegentlich taucht ein Bahnhofsschild inmitten der Halbwüste auf.
Die Gebäude stehen zumeist verlassen. Früher mussten hier die Dampfloks anhalten, um ihre Wasservorräte aufzufüllen. Das ist natürlich Vergangenheit, und heute genügt die eine Farm im Hinterland nicht mehr, um einen Bahnhof zu rechtfertigen. Kleine Geisterstädte also mit vier Häusern, ansonsten: Weite, Landschaft, Gestrüpp und selten mal ein Bock. Dass es noch so viel Platz gibt auf dieser Welt!

Freitag, 19h:

Der Zuglautsprecher bittet zum „Early Seating“. Wie gut, dass wir noch nicht dran sind. Wie gut auch, dass wir den „High Tea“ mit Canapés um 17h30 in der Lounge ausgelassen haben. Hunger verspüren wir nach dem Lunch nämlich noch keineswegs. Allmählich geht die Sonne unter. Die Berge verschwimmen zu Silhouetten, die Sonne legt ihr gelbes Wüstenkleid an und ist dann ganz schnell hinter dem Zug verschwunden. Schade eigentlich, denn nun spiegeln nur noch wir uns in den großen Fensterscheiben.

Freitag, 20h:

Allmählich gilt es zu klären, wer die Badewanne genießen darf und wer zum Aperitif-Umtrunk in die Lounge geht. Ich gewinne, denn endlich einmal zieht das Argument, dass man als Mann bei bestimmten Gelegenheiten mehr Aufwand betreiben muss, um abends gut gekleidet zu sein. Nach wochenlanger Recherchenreise müssen Jackett und Krawatte erst einmal wieder in Form gebracht werden.

Freitag, 21h:

Der Zug gleitet langsam durch den Bahnhof von Beaufort West. Wir erinnern uns, dass in diesem Karoo-Städtchen der Herzchirurg Christiaan Barnard das Licht der Welt erblickte. Mehr als die Bahnstation können wir aber nicht erkennen. Pünktlich erscheinen wir zum Dinner. Maudia erwartet uns schon mit der Weinkarte. Aber jetzt habe ich einfach Durst, Durst auf ein spritziges Windhoek Light. Kurz darauf steht es vor mir – nicht in der Dose, sondern frisch gezapft mit Blume. So etwas habe ich schon seit Wochen nicht mehr gesehen. An keinem anderen Tisch trinkt jemand Bier. Mir schmeckt es trotzdem. Draußen erahnen wir die einsamen Lammhirten in der Karoo, die sich ihren Pap und einen heißen Tee für die Nacht breiten. Kleine Lagerfeuerlichter scheinen gelegentlich durch die Scheibe, in der sich ansonsten der Innenraum des Dining-Car spiegelt. Das Dinner übertrifft den Lunch noch bei weitem: Wir können unter 6 Gängen wählen und entscheiden uns für geräucherten, gerollten Marlin mit Nelkencremesauce, die delikate Tomatencremesuppe, das Meeresfrüchte-Ragout sowie das Straußenfilet, medium-rare, mit Soufflé, gedünstetem Gemüse und einem exotischen Riesenpilz. Auf den Nachtisch wollen wir eigentlich verzichten. Doch als Maudia beginnt, Geschichtchen zu erzählen und dabei geschickt die Dessertfolge einspielt, können wir dem Schokocremekuchen mit Erdbeersahne nicht widerstehen. Vorsätze für eine Outdoor-Tour mit Campingküche bei der nächsten Reise beruhigen schließlich unser Gewissen und der 40 Jahre alte Brandy sowie die „Smoke“ in der Lounge unseren Magen.

Freitag, 22h45:

„Cognac“ ist, wie auch „Champagne“, in Südafrika nicht das, was wir aus Frankreich kennen. Darüber gab es bereits einen langen Streit um Namensrechte mit der EU. Der „Brandy“ ist jedoch unwiderstehlich gut und erfüllt mehr als seinen Zweck (bei „Champagne“ sieht das etwas anders aus, aber das gehört nicht hierhin). 40 Jahre ist der Brandy gereift, und selbst die Crew vom „Blue Train“ hat viel Überredungskunst gebraucht, um der südafrikanischen Distillery diesen edlen Tropfen abzuringen – eigentlich wird er nur exportiert. Bei unserem letzten Drink plaudert der Barkeeper so richtig aus dem Nähkästchen. So erfahren wir, dass der lange Tunnel vor Matjiesfontein doch so einige technische Probleme aufgeworfen hat. Eingleisig war er geplant und auch begonnen worden. Doch erst weit hinter der Mitte haben beide Bohrteams bemerkt, dass sie aneinander vorbeigebuddelt haben. So gibt es nun in der Mitte einen zweiten Tunnelabschnitt, in dem ein entgegenkommender Zug warten kann.

Freitag, 23h30:

Zurück im Apartment, ist schon alles für die Nachtruhe vorbereitet. Denn wir haben uns strikt an Noziphos Empfehlung gehalten und das richtige Schild an die Tür gehängt: „Please, make-up compartment“. Nur bei der neuen Flasche Wein, die auf uns wartet, hat es wohl ein Missverständnis gegeben. Sie war gar nicht bestellt und bleibt zu, genauso wie die Jalousien auch. Nun gilt es nur noch, ehemaligen Beschwerden auf den Grund zu gehen, wonach der Zug zu sehr schaukeln und die Nachtruhe gefährden würde. Als „Schlaftablette“ genügt das süße Betthupferl auf dem Kopfkissen und dann ...

Sonnabend, 7h30–9h30:

Keine Spur von schlafloser Nacht! Sanft hat uns der „Blue Train“ bereits bis weit hinter Kimberley befördert. Nur die zu trockene Luft der Klimaanlage hat uns jetzt geweckt. Einen Schluck aus der bereitstehenden Seltersflasche und wieder umgedreht. Als wir das zweite Mal wach werden, heißt es, sich zu entscheiden: Jetzt aufstehen, oder das Frühstück verpassen, das nur bis 9h serviert wird. Aber wir sind von unserem „Late-Seating“ noch so satt, dass wir uns noch einmal für ein „Viertelstündchen“ umdrehen und das (bestimmt sehr leckere) Frühstück ausfallen lassen.

Sonnabend, 10h:

Aber wir haben nicht mit Nozipho gerechnet, die prompt nach unserem Erscheinen ein Ersatzfrühstück für uns herbeizaubert. Dass wir nicht bei Tisch erschienen sind, ist natürlich jedem Mitglied des Personals bekannt, und so erhalten wir dann doch noch unseren Kaffee, frisch gepressten Orangensaft und ein paar Schnittchen nach Wunsch, schön mit Salatblättern garniert auf einem Silbertablett. Das ist eben Service à la „Blue Train“.

Sonnabend, 10h15–12h:

Draußen streicht der wirtschaftliche Muskel Südafrikas vorbei: Gauteng, auf Gold gebaut, durch Industrien verdreckt, durch unruhige Riesentownships und hohe Kriminalität in Verruf geraten. Und doch ist es mit seinen über 7 Millionen Einwohnern die Stütze der Nation. Sie machen 17 % der Gesamtbevölkerung des Landes aus, die aber nur auf 1,6 % der Fläche Südafrikas leben. Hier wird das Geld verdient (38 % des BIP), hier wird geschuftet, geschwitzt, gelitten. Ziel vieler Mittelständler ist es, in dieser Metropolis das Geld zu verdienen, das man dann im Alter an der Küste bzw. am Kap ausgeben kann. Wer zur Unterschicht gehört, oft arbeitslos ist, der wird niemals entfliehen können. Und die wirklich Reichen: Sie fliegen an den Wochenenden in ihre Villen an der Garden Route bzw. in Natal. Der Zug macht einen großen Bogen um Johannesburg, passiert dabei Bahnhöfe kleiner Industrieorte mit Namen wie Alloy (= Aluminium) und Union (steht für ein ehemaliges Industriekonglomerat), lässt Schrott- und Kohlezüge auf den Seitengleisen warten. Schön anzusehen ist dies alles nicht, aber interessant. Außerdem bereitet es uns alle wieder darauf vor, dass der Alltag naht.

Sonnabend: 12h30–13h:

Midrand, das aufstrebende Wirtschaftsareal zwischen Jo‘burg und Pretoria/Tshwane, zeigt sich etwas geordneter. Moderne Firmensitze, zumeist Dienstleister und internationale Konzerne, lassen hoffen für die Zukunft des Landes. Dann erreichen wir Pretoria, Südafrikas Hauptstadt und Verwaltungssitz. Auf einem Berg südlich der Stadt prangt, weithin sichtbar, das klobige Voortrekker Monument. Schließlich rollt der „Blue Train“ in den Bahnhof ein. Nozipho hat schon lange damit begonnen, überall aufzuräumen. Sie freut sich auf das Wochenende mit ihrer Familie. Montag geht es für sie wieder Richtung Kapstadt. Wir kramen unsere Sachen zusammen und halten ein paar Scheine bereit für die „Tip-Box“. Wer hat uns bedient, wer hat uns geholfen, wieviel gibt man – immer wieder eine schwierige Frage für uns Europäer. Wir entscheiden uns für eine dreistellige Summe. Immerhin waren da mehrere Mahlzeiten, der Butlerdienst, der Barkeeper und die vielen anderen, für uns unsichtbaren Helfer hinter den Kulissen. Sie leben von den „Tips“, und bei einem solchen Fahrpreis sollte man nicht an der falschen Stelle sparen. Wir sind uns noch nicht ganz darüber im Klaren, dass die wunderschöne Reise ein Ende hat, da gilt es, nochmal zu organisieren: die Kofferträger, der richtige Ausgang und andere Kleinigkeiten. Doch so schlimm ist es gar nicht. Der Mietwagen steht bereit, die Koffer sind schnell verstaut. Nebenan verlassen andere Reisende mit einem Bus der Eisenbahngesellschaft den Bahnhof in Richtung Hotel bzw. Airport. Alles läuft wie am Schnürchen.

Schließlich sitzen wir im Taxi, lassen die Reise noch einmal Revue passieren und erkennen verwundert, dass es sogar in unserem Beruf noch Dinge gibt, die uns immer wieder neue Highlights bescheren.