Südafrika heute

Politisch hat sich Südafrika zu einem der stabilsten Länder auf dem afrikanischen Kontinent entwickelt und agiert heute als führende Nation und Sprecher Afrikas. In der 2001 gegründeten NEPAD (The New Partnership for Africa’s Development) setzt sich Südafrika dafür ein, sich als afrikanisches Land die wirtschaftliche Unterstützung der Welt zu verdienen, indem man sich zu Demokratie und Menschenrechen bekennt. Hier hat die Regenbogennation eine Führungsrolle übernommen und ist Vorbild für viele andere afrikanische Staaten. Mit dem Willen, das Land zum Vorbild von Einheit, Frieden, Aufbau und Wachstum zu machen, muss sich Südafrika seinen eigenen Problemen stellen.

Eine der größten Aufgaben stellt die Eindämmung der HIV/AIDS-Epidemie dar. Statistiken zeigen, dass mehr als 19 % der erwachsenen Südafrikaner infiziert sind, in manchen Regionen sind es sogar fast 40 %. Neben der menschlichen Tragödie stellt dies auch ein immenses wirtschaftliches Problem dar: Ein wichtiger Teil der arbeitsfähigen Südafrikaner stirbt an AIDS-bedingten Krankheiten und jeden Tag kommen mehr als 1.000 neue Infektionen hinzu. Eine ganze Generation von Kindern wächst als AIDS-Waisen auf. Die Regierung vertrat lange eine sehr umstrittene AIDS-Politik und musste dafür weltweite Kritik hinnehmen, so z. B. für Präsident Zumas Aussage, eine Dusche einem Kondom als Schutz vorzuziehen.

Ein Kurswechsel war dringend notwendig und wurde in der Form einer Politik der Offenheit von Zuma selbst eingeläutet, als er 2010 das negative Ergebnis seines AIDS-Tests bekannt gab. Zeitgleich wurde eine Kampagne gestartet, regelmäßige AIDS-Tests durchzuführen und dem Großteil der Infizierten Zugang zu Medikamenten zu verschaffen. Heute kann das Land mit CAPRISA (Centre for the AIDS Programme of Research in South Africa) eines der weltweit wichtigsten Forschungszentren vorweisen. Das Institut hat u. a. das erste wirksame Mikrobiozid-Gel vorgestellt, das die Wahrscheinlichkeit einer Infektion deutlich mindert und so Frauen eine selbstständige HIV-Prävention ermöglicht. Durch die Kommunikation solcher Erfolge, durch Investitionen und regelmäßige Kampagnen wächst in der Bevölkerung das Bewusstsein, sich vor HIV/AIDS zu schützen.

Das Land am Kap muss Lösungen für weitere drängende Probleme finden. So herrscht noch immer eine hohe Arbeitslosigkeit. Die Regierung beziffert diese zwischen 23 und 25 %, nach anderen Quellen ist sie weitaus höher. Gut ausgebildete Fachkräfte, von denen es wegen der Überschuldung des Bildungshaushalts und der damit verbundenen Schließung von Hochschulen bald weniger geben könnte, suchen ihr Glück im Ausland. Trotz Verbesserungen in der Infrastruktur fehlt Wohnraum, viele Menschen leben noch in Hütten aus Wellblech unter sanitär prekären Bedingungen. Überbevölkerung und illegale Einwanderung verstärken die sozialen Probleme noch. Zusätzlich tragen Armut, Kriminalität und v. a. eine stetig zunehmende Korruption, besonders in politischen Kreisen, nicht dazu bei, noch mehr ausländische Investoren nach Südafrika zu locken.

In seinen Reden zur Lage der Nation streicht Präsident Zuma immer wieder heraus, dass das Land bei den o. g. Themen noch viele Herausforderungen zu meistern habe. Die Regierung ist dabei, besonders den Energiesektor (Kraftwerke), Verkehrsprojekte (Straßen, Eisenbahn), den Bergbau sowie den Arbeitsmarkt zu fördern, und verweist auf ihren Erfolg, die Zahl schwerer Verbrechen deutlich zu reduzieren. Verschiedene Beobachter machen allerdings darauf aufmerksam, dass Morde an Farmern, Vergewaltigungen und eine zunehmende Korruption immer noch Realität seien. Die Regierung gibt vor, die Korruption eindämmen zu wollen, Zuma selbst wird allerdings immer wieder mit solchen Fällen in Verbindung gebracht. So hat er zum Beispiel seinen hochherrschaftlichen Kraal in Zululand mit Steuergeldern sanieren lassen (einen Großteil davon muss er jetzt aus privater Kasse zurückzahlen). Doch der Unmut in der Bevölkerung gegenüber einer korrupten Elite, vor allem im ANC, wächst. So wurden bei den letzten Wahlen nicht nur in Kapstadt, sondern auch in Pretoria, Johannesburg und Port Elizabeth Bürgermeister gewählt, die der Democratic Alliance (DA) angehören.

Nationale und internationale Stimmen weisen zunehmend darauf hin, dass Regierungspartei und Staat immer mehr verschmelzen, und kritisieren die Arroganz des ANC. Die Partei sieht sich in der Schuld alter Verbündeter und steht sowohl der Presse als auch der Justiz, von der sie sich kontrolliert fühlt, kritisch gegenüber. Zuma selbst ließ das Verfassungsgericht einer Prüfung unterziehen. Kritiker sehen die große Gefahr, dass der ANC die südafrikanische Gesellschaft mit seiner Politik der „Transformation“ dahingehend umbilden will, dass er – noch immer im Namen des Widerstands – die komplette Kontrolle über den Staat und seine Institutionen erhält. 2014 wurde Zuma bei den fünften freien demokratischen Wahlen seit dem Ende der Apartheid wieder zum Präsidenten gewählt (ohne Gegenkandidaten). Doch Oppositionsparteien, wie z. B. die ultralinke EFF (Economic Freedom Fighters), machen dem ANC mit z. T. spektakulären Aktionen das Leben schwer. Bei der Wahl 2014 wurde die erst 2013 von Julius Malema gegründete Partei mit über 6 % der Stimmen zur drittstärksten Kraft im Parlament, nach dem ANC (62,2 %) und der DA (Democratic
Alliance, 22,2 %).

Obwohl die soziale, wirtschaftliche und politische Trennung der Gesellschaft formal der Vergangenheit angehört, ist Südafrika von sozialer Gerechtigkeit und Gleichstellung – vor allem der Frauen – noch weit entfernt. Zwar nimmt der Rassismus keine zentrale Rolle in der Gesellschaft mehr ein, hier und da spukt aber immer noch altes Gedankengut herum. Auseinandersetzungen und Proteste an den Hochschulen nehmen in jüngster Zeit zu. Fakt ist, dass die Einkommensschere immer weiter auseinandergeht. Die drastischen sozialen Gegensätze haben das Klima wieder rauer werden lassen.