sa flag 80x80Südafrika... Reiseland ... Abenteuerland ... das sind die Vorstellungen vieler Touristen, die das wunderschöne Land zum ersten Mal besuchen. Wenn die Besucher dann in Johannesburg oder Kapstadt aus dem Flugzeug steigen, erleben sie zuerst einmal ein gewohntes Bild: Großstadtgetriebe, viel Verkehr, Hektik geschäftige Menschen. Auch ich war vom ersten Eindruck Afrikas ein wenig enttäuscht, als ich auf dem Flughafen Kapstadt ankam. Im Terminal herrscht das ganz normale Getümmel, Polizeikontrolle, Zollabfertiung ... alles wie gehabt. Von Exotik und Abenteuer keine Spur. Auch die Taxis vor dem Terminal ... ganz normal ... allerdings kaum die von zuhause gewohnten Mercedes'se, mehr kleinere Fahrzeuge.

Die Fahrt führt vorbei an Guguleto, einem Township, durch einen Betonzaun vor den Blicken versteckt. Doch schnell wird das Auge abgelenkt, denn jetzt kommt der Tafelberg ins Bild. Majestätisch wächst er aus dem Meer der kleinen Häuser hervor, die von der Nationalstraße aus sichtbar sind. Es ist noch früh am Morgen und die Wolke über dem Massiv wird von einem leichten Morgenrot gefärbt. Um den Tafelberg herum führt die Straße über eine Anhöhe am „Groote Schuur Hospital" vorbei. Wer hätte davon noch nicht gehört. Dann eröffnet eine Kurve den Blick auf die Stadt, den Hafen und das Meer. Jetzt wird klar, warum Kapstadt zu den schönsten Städten dieser Welt zählt. Dann bin ich in der City.

Auf der Fahrt zum Hotel ändert sich die Wahrnehmung, der Blick erschließt langsam den exotischen Charakter dieser Stadt. Die Unterschiede werden klar, langsam werden die Einzelheiten sichtbar. Die Menschen sehen anders aus, die Haut ist dunkler. Bunt das Gemisch und noch bunter die Bekleidung. Und etwas fällt mir zuerst besonders auf: Viele Menschen haben ein frohes Lachen auf den Lippen, obwohl sie manchmal ärmlich gekleidet sind. Überraschend viele junge Leute sind unterwegs, viel mehr als bei mir zu Hause in Köln.

Dann ein Blick auf die Schaufenster der Geschäfte, sie wirken eigentlich nicht sehr einladend. Fast versteckt wirken die Auslagen. Viele Läden haben Eisengitter an den Türen, der Zutritt wird nur einzeln gewährt, nur in die großen Kaufhäuser kann man frei eintreten. Viel uniformiertes Personal, offensichtlich Wachleute. Auch das Verkaufspersonal trägt einheitliche Kleidung! Wie ich später lerne, dient dies der Bildung des Gemeinschaftsgeistes, aber es hat auch ganz handfeste Gründe: Die Angestellten sparen Geld für Bekleidung und sie sind für Kunden und Manager leicht zu erkennen. Die Gebäude der Innenstadt sind hoch, fast wie die Wolkenkratzer von New York. Doch sie haben noch ein „menschliches" Format und natürliche Farben. Braun- und Grautöne bestimmen das Stadtbild. Chrom, Stahl und Glas sieht man selten. Bald fallen mir die vielen alten Häuser auf, die noch im traditionellen Kolonialstil erbaut wurden. Weit tragen ihre Vordächer über die Gehwege aus und bieten den Fußgängern reichlich Schatten. Ornamente aus viktorianischer Zeit schmücken die Stützen dieser Vordächer und zeugen von der englischen Vergangenheit. Vergleiche mit der alten Südstaaten-Herrlichkeit in den USA drängen sich auf.

Vor dem Hotel habe ich meine erste Begegnung mit Afrika: Eine „echte" afrikanische Mammi, ein Kind an der linken Hand, ein Korb auf dem Kopf, gehalten von der rechten Hand. Mammi ist bekleidet mit einem bunten „Sari", dem typischen bunten Leinentuch, das kunstvoll um den Körper geschlungen ist. Die vollen Körperformen werden von dem großformatigen Blumenmuster auf dem Tuch versteckt, aber die ausladenden Hüften lassen sich schwer verbergen. Ihr Gang wirkt etwas schwerfällig. Kein Wunder, denn der Korb ist offensichtlich nicht leicht, aber die gerade aufrechte Haltung gibt ihr etwas Überlegenes, etwas Stolzes. Hier ist es noch ... unser altes Bild von Afrika. Aber es ist selten geworden. Später lerne ich, dass dieses Bild auf dem Lande immer noch normal ist. - Welche Gegensätze prallen hier aufeinander! Einerseits scheint die geschäftliche westliche Hektik in Kapstadt eingezogen zu sein ... und doch wird die Kraft und Gelassenheit Afrikas immer wieder deutlich. Es sind diese Gelassenheit und innere Kraft, die uns Europäer stets auf's neue beeindruckt. Sie entspringt der Würde dieser Menschen und gründet nicht auf Leistung oder Besitztum.

Die Menschlichkeit, Güte und Leidensfähigkeit erhebt diese Menschen auf eine besondere Weise über die leistungsorientierte westliche Lebensart. Vielleicht haben diese Menschen hier selber noch keine echte Wahl gehabt, ihre afrikanische Lebensweise weiter zu entwickeln, anstatt stets der westlichen Lebensart nachzulaufen. Die Herren aus Europa haben dieses Land stark verändert und unvergleichlich positiv vorangebracht. Schulen und Krankenhäuser wurden gebaut, die Verkehrsinfrastruktur gelegt, moderne Landwirtschaft eingeführt, erfolgreiche Industriebetriebe entwickelt und ein gesundes Staatswesen gegründet, das sich heute mit Stolz „Republik Südafrika" nennt. Doch alle diese Errungenschaften folgten westlichen Bedürfnissen.

Viele westliche Idealisten glauben, ohne den westlichen Einfluss seien die afrikanischen Volksgruppen in ihrer ursprünglichen Lebensweise zufriedener und entspannter gewesen. Aber diese Gedanken sind wenig hilfreich, denn das Rad der Geschichte läßt sich nicht zurückdrehen. Und wenn man die Frage stellt, wo große afrikanische Gruppen heute ihre Zukunft sehen, dann bekommen wir die Antwort täglich aus den internationalen Nachrichten: Illegale Einwanderung nach Südafrika und nach Europa! Die Menschen stimmen mit den Füßen ab, so wie einst am „Eisernen Vorhang" in Europa.

Noch wird in Südafrika die Fluchtbewegung aus den zerrütteten Nachbarstaaten Mosambik und Simbabwe offiziell geduldet, aber es rührt sich schon deutlicher Widerstand aus der Bevölkerung. In Europa wirbt nur noch die Presse für die Einwanderer aus Nordafrika. Die Regierungen und die Bevölkerung sind eindeutig der Meinung, dass unsere Sozialsysteme überfordert werden. Es scheint mir deutlich zu werden, dass die Wanderwege in Zukunft verschlossen werden, in Europa und in Afrika. Was bleibt zu tun? Wie kann man der Sehnsucht der Menschen nach sozialer westlicher Lebensweise einerseits und den Rechten der Bevölkerung in den aufnehmenden Staaten nach Erhalt ihrer sozialen Errungenschaften andererseits gerecht werden?

Mir scheint es nur einen Weg zu geben: Die afrikanischen Staaten müssen ihren sozialen Fortschritt selbst erarbeiten, wie es die europäischen, amerikanischen und asiatischen Staaten auch getan haben. Dadurch muss das soziale Gefälle ausgeglichen werden und die Menschen müssen in ihren Heimatländern ihre Zukunft aufbauen. Dabei ist Wirtschaftshilfe im alten Sinne ungeeignet, denn sie macht die Menschen zu passiven Hilfsempfängern. Sie müssen jedoch in die Lage versetzt werden, ihre Probleme selbst zu lösen und auf ihre erreichten Lösungen stolz zu sein. Es ist die Ausweglosigkeit ihrer Situation im Heimatland, die sie auf die Wanderschaft zwingt. Es ist die Angst vor der Zukunft, die diese Leute antreibt ... und Angst macht aggressiv!

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