sa flag 80x80Südafrikas Zeitungen - auch die großen - haben alle eine Eigenart, die sie von den deutschen unterscheidet: Die ersten drei Seiten sind stets voll von Mord und Totschlag, blutigsten Un- und Überfällen und schlimmsten Korruptionsvorwürfen oder Hasstiraden. Die alltäglich wechselnden Pappschilder, die die Lampenpfosten unserer Städte verunstalten, schreien dann auch in greller Sprache diese "news" in die Welt, wohl in der Hoffnung, mit der "Sensation" den Leser zum Kauf der Gazette zu bewegen.

Und die Sieben-Uhr-Früh-Nachrichten im SA-Fernsehen sind da keinen Deut besser: Hektisch und reißerisch aufgemacht. Das Radio gibt derweil durch, wo - wie an jedem Tag - ein Verkehrsunfall Tote und Verletzte gefordert hat und auf wieviele Kilometer inzwischen der dort entstandene Stau angewachsen ist. Man sollte meinen, dass Südafrika ein gefährliches, böses, korruptes und miserables Land ist, in dem die Menschen sich voller Dummheit, Hass und Eigennutz feindlich gegenüberstehen.

Es steht ja auch so in den Zeitungen! Auf den Seiten eins bis drei, unter fetten schwarzen Schlagzeilen. Ich kenne Südafrika und seine Menschen ganz anders: Liebenswürdig und liebenswert, gutmütig, warmherzig, hilfsbereit, mitfühlend, bescheiden und zuverlässig. Da ist unser 'Garden Boy', ein Xhosa. In zwölf Jahren hat es noch nie ein böses Wort gegeben und noch nie hat er auch nur einen einzigen Arbeitstag unentschuldigt gefehlt - und nicht ein einziges Mal hat er sich vor der Arbeit gedrückt. Und wenn es mal "nichts" zu tun gibt, dann findet er dennoch etwas, mit dem er sich nützlich machen kann. Erträgt bei der Arbeit meine alten ECHO-Hemden, morgens steigt er frisch geduscht in mein Auto.

Da ist unsere "Maid", eine junggebliebene Coloured-Frau, seit 15 Jahren bei uns im Haushalt: Stets sauber und adrett, immer freundlich, zurückhaltend und bescheiden, zuverlässig und grundehrlich. Und mein "Handlanger", ein sauberer schwarzer Mann, seine Frau lebt mit den Kindern in Zimbabwe. Eines Tages stand er arbeitssuchend mit seiner Wasserwaage vor meiner Tür. Ich versprach ihm einen Job für drei Tage, nun sind schon fünf Monate daraus geworden. Er ist Fliesenleger und Verputzer, Anstreicher, Baumfäller und Dachdecker. Da sind unsere Freundinnen, die Deutschen Barbara in Sir Lowry's Pass und Margit in Hout Bay und Dorothea in Macassar, die unabhängig voneinander in privater Initiative großartige Kindergärten, Schulen und Heime für vernachlässigte und hungernde Kinder gegründet haben. Da ist der kleine Coloured-Boy mit seinen acht Jahren, der mir mit Stolz meinen Geldbeutel zeigt, das beim Aussteigen aus dem Auto aus meiner Jackentasche auf die Erde gefallen war. Wohl nicht umsonst wurde schon 1988 die Deutsche Schule Kapstadt von einer Sprachgruppenschule zur "Begegnungsschule" umgemodelt - und nicht umsonst riskierte es Pastor Stefan Hippler, sich mit Kirche und Papst zu überwerfen, weil er das Beste für die HIV-Infizierten hier im Land will. Und die Aktivitäten der Stadtmission Kapstadt in Tamboerskloof! Und die der Marien-Schwestern von Schönstatt in Constantia! All das ist "mein" Südafrika - aber auf den ersten drei Seiten unserer Zeitungen liest man nichts davon.

Auch nicht über die mit uns befreundete afrikaanse Farmersfrau in Wellington, die auf eigene Kosten auf der Farm eine Schule unterhält. Oder die Engländerin Mavel, die in Durbanville die vier Kinder ihrer Hausangestellten vom Kindergarten bis zur Uni Stellenbosch "finanzierte". Ja, in der Zeitung (auf Seite 17 oder 19) habe ich gelesen, dass es bei uns sogar einen Politiker gegeben haben soll, der drei Monatsgehälter an die Regierung zurückzahlte, weil er meinte, dass es mehr als Worte bedürfe, um öffentlich Solidarität mit den Armen und Bedürftigen zu zeigen. Es ist also nicht nur das soziale Engagement unserer Landsleute, vielfältig, großzügig und selbstlos, nein, auch das Vermögen der Südafrikaner, Gutes zu tun, ist heute keineswegs verkümmert. Wie stand es in der Zeitung (auf Seite 17 oder 19): Zwei junge schwarze "Straßenkinder" - aufgezeichnet von einer Überwachungskamera in Durban - legten ihr eigenes Kleingeld in die Blechdose eines heruntergekommenen weißen Bettlers.

Und es ist mein Tennispartner Hermann, der in seiner Freizeit den Township-Kindem das Fußballspielen beibringt -und ihnen die passenden Trikots besorgt und sie (die Trikots) zum Waschen mit nach Hause nimmt. Ähnlich wie Frederik, der als weißer Oberschüler schwarzen Dorfschulkindern das exklusive Cricketspiel beibringt. Das St. Johannis Altenheim in Parow, getragen von einer Stiftung, kümmert sich seit 1981 um das Wohl der älteren Mitbürger. Das Vincent-Palotti-Hospital in Pinelands steht allen denen zur Verfügung, die die normalen Kosten der Krankenhaus-Behandlung nicht zu tragen vermögen.

Ja, und vergessen wir nicht Desmond Tutu, der mehr und mehr zu einer Persönlichkeit, ja zu einer Institution wird, die sich um friedlichen Ausgleich bemüht - und der dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Ganz zu schweigen von Südafrikas "großem Mann", der als rebellischer und krimineller Aktivist begann und nach 27 Jahren Haft die Hand zur Versöhnung ausstreckte. Und die schwarze Frau mit ihrem jüngsten Baby im orangeroten Tuch auf dem Rücken - sie hat dafür Sorge getragen, dass die drei älteren Kinder - trotz aller Schwierigkeiten - stets pünktlich in die Schule nach Elsiesrivier gehen und dort ihre Lektionen lernen. Ihr ältester Sohn wird jetzt 16 Jahre alt, am Samstag spielte ich in unserem Klub Liga-Tennis gegen ihn - ein wohlerzogener, frischer und freundlicher Junge. Ach, es gibt so viele solcher Menschen bei uns hier am Kap. Überall begegnet man ihnen - nur auf den Seiten 1 bis 3 unserer Zeitungen findet man sie nie...

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