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Kapstadt vom Signal Hill | Südafrika

sa flag 80x80Der südafrikanische Polizeiminister (ja, das ist neben dem Innen- und dem Gefängnisministerium eine dritte Behörde!) hat am 22. September 2009 wie jedes Jahr die Kriminalitätsstatistik veröffentlich. Wir wollen im Folgenden die Hintergründe kritisch beleuchten. Keinesfalls soll hier irgendetwas beschönigt werden. Insbesondere wer in Südafrika arm ist, lebt am Kap gefährlich. Lebensgefährlich. Zuvor jedoch ein kleiner Gedanke: Wer ist sich bewusst, dass es seit es Fernsehen gibt, an jedem Freitagabend um 20:15 Uhr ein Mensch im ZDF und am Sonntagabend in der ARD ein weiterer Mensch ermordet wird? Und Millionen schauen zu.

Meist handelt es sich um Beziehungstaten, Derrick ermittelte gerne in den noblen Vororten Münchens. In Camps Bay starb im letzten Jahr ein Mensch an einem Verbrechen, im Jahr zuvor keiner. D.h. es gab noch nicht einmal ein fatales Eifersuchtsdrama, von einem Raubmord ganz zu schweigen. Anderswo sieht es leider anders aus.

Die Welt ist kein so friedlicher Ort mehr, wie er es einmal war. Aktenzeichen XY sucht heute auch nicht mehr nach Neppern, Schleppern, Bauernfänger, die der Oma 50 Euro an der Haustür abschwindeln. Da werden Mörder und Kinderschänder gesucht. Von Drohungen islamischer Terroristen ganz zu schweigen. In Deutschland wird eine Terrorzelle nach der anderen ausgehoben, in Südafrika blieb vergangene Woche die amerikanische Botschaft aus Angst vor einem Anschlag geschlossen.

Oft glaubte man es gäbe in Südafrika keine verlässlichen Statistiken und wenn doch, so wären sie geschönt. Tatsächlich sind sie auf www.saps.gov.za genau nachzulesen, mit den Vorjahren zu vergleichen. Das Herunterbrechen auf einzelne Orte, sogar Stadtteile reflektiert die sozialen Unterschiede, die sich eben in Gewalt äußern. 6 Morde in Somerset West und 5 in der Innenstadt Kapstadts stehen 208 in Nyanga gegenüber.

Landesweit bleibt es bei fast 50 Morden pro Tag in Südafrika. In den USA sind es ebenso viele, allerdings leben dort sechsmal mehr Menschen: statt 50 Millionen sind es 300 Millionen Einwohner.

Polizeiminister Nkosinathi Mthethwa zeigte sich vom Anstieg der Raubüberfälle auf insbesondere kleinere Geschäfte ebenso überrascht wie denen auf Privathäuser. Dies wird leider auch von unseren Mandanten bestätigt. Andere Verbrechen wie Überfälle auf Banken, Bankautomaten und Geldtransporte sind dagegen zurückgegangen. Die Maßnahmen der Industrie greifen hier also. Der Minister beklagte die aussergewöhnliche Gewaltbereitschaft in Südafrika, die leider meist willkürlich und zufällig trifft. Von den 2,1 Millionen als “schwer” eingestuften Verbrechen sind ein Drittel mit “Kontakt”, also körperlicher Gewalt oder Waffengebrauch. Man kann in Südafrika sein Leben lang komfortabel und friedlich, eigentlich unbedarft leben. Und plötzlich kommt es aus dem Nichts zu einem Überfall, der gewaltsam enden kann. Anders als in Europa, wenn man nachts im Haus ein Geräusch hört und das Licht einschaltet, flüchtet der Einbrecher nicht immer sondern stellt sich oft dem Hausbesitzer mit Gewalt entgegen.

Ist dies nun ein typisch afrikanisches Verhalten, dem Kontinent der grausamen Bürgerkriege, die bis heute anhalten? Sind dies ethnische oder stammeskonforme Verhaltensweisen? Europa gibt sich heute mit Finesse und Kritik, trotz einer Geschichte, die sich vom Römischen Reich über Kreuzzüge und Greueltaten der Nazis spannt. Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien zeigte Europa wie schnell nationales Gedankentum zu brutalen ethnischen Säuberungen auch auf diesem Kontinent noch heute möglich ist. Daher fand der United Democratic Movement Sprecher Stanley Ntapane klare Worte:

“Die Kriminalitätsstatistik Südafrikas ist schockierend, es gibt Kriegsgebiete in der Welt, in denen weniger Menschen sterben.“

Die Europäische Union veröffentlichte jüngst eine Statistik zu Gewaltverbrechen. Hier zeigte sich, dass in Großbritannien es pro Kopf mehr Straftaten gibt als in Südafrika. 2 034 Gewaltverbrechen pro 100 000 Einwohner in 2007 stehen 1 677 in Österreich, 1 607 in Südafrika und 1 123 in Schweden gegenüber. Kein Wunder, dass Henning Mankells Bücher in so viele Episoden verfilmt wurden...

Dennoch, bei den Morden sieht es traurig aus, fast 20 000 werden in Südafrika pro Jahr begangen und „nur“ 921 in Großbritannien. Natürlich klagt der Polizeiminister über die große Zahl von Waffen in den Händen von Zivilisten. Aber auch über Gier, Konsumwahn, Patriarchat und eine vollkommen unakzeptable Einstellung gegenüber den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft, den Kindern. Mthethwa bestätigt, dass die meisten Morde in armen Gebieten verübt wurden. Die Hälfte der 18.148 Morde erfolgten durch Messerstiche. Etwa 70% der Morde resultieren aus Streitigkeiten, oft unter Leuten, die sich kennen, die dann gewalttätig ausgetragen werden. Dies passiert eben meist in besonders ärmlichen sozio-ökonomischen Bedingungen, wo viele Menschen auf geringem Platz zusammen wohnen, also in Townships oder ländlichen Gebieten.

Die Polizei drängt weiterhin auf die umstrittene Änderung des § 49 des “Criminal Procedure Act” (Strafprozessordnung) die ihr umfangreichere Macht gibt, bis hin zum finalen Rettungsschutz. Weitere Spezialeinheiten werden aufgebaut und die Einsatzprozeduren verbessert. Mthethwa verweißt wie seine Vorgänger auf die Notwendigkeit, dass die Gemeinden aktiv mit der Polizei zusammen arbeiten zu müssen, Verbrechen vorzubeugen und Verbrecher anzuzeigen. Die Anzahl der Morde und Mordversuche fällt seit Jahren um 3-4%, zumindest gehe die Tendenz in die richtige Richtung. Im Vergleich zu 1993/4 sind die Morde sogar um 44% zurückgegangen, allerdings war dies auch eine Zeit großer politischer Differenzen, als die Zulu-dominierte Inkatha gegen den Xhosa-geführten ANC um die Macht nach der Apartheid-Ära kämpfte.

Erfreulicherweise gibt es heute, wie auch bei den Wahlen im April 2009, kaum noch politische oder ethnisch motivierte Straftaten. Leider zeigt die Statistik auch die großen Schwächen der Justiz auf. Denn nur 12,8% der Morde endeten mit einer Verurteilung des Täters. Hier stellt sich wirklich die Frage, warum der Staat hier nicht die notwendigen Resourcen zur Verfügung stellt. Das Gerichtswesen ist langsam, ineffizient, oft unkompetent. Dabei gibt es hervorragende juristische Hochschulen, nur treten deren Absolventen nicht in den unattraktiven Staatsdienst ein. Es gibt auch immer wieder Gerüchte, dass an einem Samstagabend für ganz Stellenbosch nur zwei funktionstüchtige Polizeifahrzeuge einsatzbereit sind. Dabei brauchen wir nicht mehr als Beamte, die gut ausgebildet und ausgerüstet auf den Straßen Präsenz zeigen.

Hier erscheinen die Verantwortungswege insbesondere die der politischen Verantwortlichkeit wieder verschwommen, es gibt keine klaren City Manager, die mit Budgets, Deadlines und Verantwortlichkeiten operieren, wie jedes Unternehmen der Privatwirtschaft. Helen Zille, Ministerpräsidentin der Kapprovinz gab jüngst ihre Strategie zur Bekämpfung der Kriminalität im Westkap an. Experten geben ihrem Konzept, dass übrigens noch von ihren ANC Vorgängern entwickelt wurde, erstmals gute Chancen. Es handelt sich um einen integrierten und fokussierten Ansatz. Die vorhandenen Mittel werden zunächst auf die Regionen mit der größten Kriminalität konzentriert. Dort geht es zunächst um wirtschaftliche Entwicklung und neue Arbeitsplätze.

Wer nur nutzlos zuhause sitzt, erliegt leichter den Verführungen von Alkohol und harten Drogen, daraus wird dann oft die oben angesprochene Gewalt innerhalb von Familien und unmittelbaren Nachbarn. Bildung, auch kurzfristige Information zu dem was Recht und Ordnung bedeuten, ist essentiell. Straftäter müssen zügig verhaftet und verurteilt werden, damit die Abschreckung wieder funktioniert. Im Moment kommen leider viel zu viele Täter ungestraft davon.

Nachdem Südafrika nun viele Rassenschranken und politische Differenzen hinter sich gebracht hat, die Ursachen und Orte der Gewalt aus den Statistiken bekannt sind, ist es nach jahrelangem Palaver Zeit, Ergebnisse vorzuweisen. Daran werden sich Jacob Zuma und Helen Zille messen lassen müssen, und zwar über die Fußballweltmeisterschaft in 2010 hinaus.

Autor: Dirk Meissner - Wir danken IBN für die Erlaubnis der Veröffentlichung

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