sa flag 80x80Wer Mitte und Ende der 90er Jahre durch die Zentren von Johannesburg, Durban und Kapstadt schlenderte kam an dem deutlichen Zerfall der Bausubstanz nicht vorbei. Alle drei Städte befanden sich in einem ähnlich bedrohlichen Szenario des Abzuges von großen Arbeitgebern, leer stehende Bürogebäude, fallende Mieten, mangelnde Instandhaltung der Gebäude durch die Eigentümer und Einzug der Kriminalität. Kapstadt schaffte zuerst die Wende, es folgte Johannesburg. Wer heute insbesondere durch die Innenstadt von Kapstadt bummelt mit komplett renovierten Straßenzügen, vielen Cafés und guter Sicherheit wird den Wandel kaum glauben. Doch wie soll Kapstadt in 20 Jahren aussehen? Was sind die Ziele dieser Stadt was ist ihre Vision der Stadtentwicklung. Wir konnten in einem Interview mit Guy Lundy, dem Geschäftsführer von Accelerate Cape Town genaueres erfahren.

Ähnlich einer guten Geschäftsidee bedarf auch eine erfolgreiche Stadt einer klaren Vision. Ein Blick auf international beachtete Städte wie Dubai, Boston und Barcelona bestätigt diese Theorie. Nicht die reine Veränderung der Bausubstanz als solche hat die Entwicklung gewisser Städte in den letzten Jahren am positivsten beeinflusst, sondern die Entwicklung und Umsetzung von städtischen Visionen. Gibt es solche Visionen auch für Kapstadt und Johannesburg?

Innerhalb Südafrikas bietet der Blick auf die “Vision Johannesburg“ einen interessanten Anhaltspunkt. Die “Johannesburg Vision“ besteht aus einer dynamischen, funktionierenden, lebenswerten, sicheren, gut organisierten, offenen und zentralen Stadt, welche ihre kulturellen Unterschiede verkörpert; Johannesburg - das Handelsdrehkreuz Afrikas. Dieses Motto der Stadt entspricht im Wesentlichen auch der internationalen Wahrnehmung Johannesburgs.

Doch wie präsentiert sich die Kapregion im Vergleich? Derzeit verbinden viele Menschen Kapstadt zu Recht mit Lifestyle, Traumlandschaften und kulinarischen Höhenpunkten. Andererseits gilt es als ein wenig verschlafen, abseits vom Wirtschaftspuls, gar als etwas rückständig. Gemeinhin besteht die Auffassung, dass die wirklich lukrativen Geschäfte nur in Johannesburg gemacht werden können. Dass diese Wahrnehmung für die Ansiedlung nennenswerter ausländischer Investitionen nicht förderlich ist, liegt auf der Hand. Es stellt sich also die Frage, wie dieser Eindruck verändert werden kann?

Hierzu bedarf es zweifelsohne der Entwicklung einer klaren Vision mit den Eigenschaften, die eine lebenswerte und wirtschaftlich erfolgreiche Stadt ausmachen. Relevante Kriterien in diesem Zusammenhang sind Arbeitsperspektiven, Wohnsituation, Infrastruktur, Krimininalitätsrate, Kultur- und Freizeitangebote. Eine lebenswerte Stadt wird demzufolge nicht nur von der Ästhetik bestimmt, sondern vielmehr durch ihre Nutzbarkeit.

Der Interessenverband Accelerate Cape Town hat sich die Entwicklung und Förderung eine Zukunftsvision für die Kapregion zur Aufgabe gemacht und hat das Projekt Vision 2030 ins Leben gerufen. Im Zuge des Interviews konnten wir in das dahinterstehende Konzept und dessen geplante praktische Umsetzung Einblick nehmen. Die Organisation wurde Mitte 2006 durch eine Gruppe von 30 führenden Wirtschaftsunternehmen gegründet. Das gemeinsame Anliegen besteht darin, das Wirtschaftswachstum der Kapregion anzukurbeln und den Wirtschaftsstandort attraktiver zu gestalten. Der Interessenverband ist sich einig, dass eine gemeinsame Langzeitvision von Nöten ist, um diese Ziele zu erreichen. So sollen Gro?unternehmen die Rolle als Entwickler der Vision und Implementierer der einhergehenden Projekte übernehmen.

Hinter dem Projekt Vision 2030 verbirgt sich eine angestrebte internationale Wahrnehmung der Region in 20 Jahren. Da das Projekt unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Aspekte tangiert, ist es in verschiedene Ziele unterteilt. Dementsprechend soll das Gesicht Kapstadts – als globales Einfallstor Afrikas - im Jahr 2030 wie folgt aussehen: sicher & effizient, gebildet & trainiert, vernetzt & dynamisch, offen & fürsorglich, grün & schön, kreativ & kulturell sowie ikonisch & nachahmenswert. Sicherheit und Effizienz sind die Grundlage einer international überzeugenden Stadt.

Hauptziel der Vision 2030 ist es, Topunternehmen in der Region anzusiedeln und einen attraktiven Standort für hochgebildete Akademiker zu schaffen. In der Medien- und Filmindustrie erfreut sich Kapstadt bereits jetzt höchster Beliebtheit. Es gilt daher dieses Potential zu nutzen um mit der Region einen Ort zu etablieren an dem kreative und intellektuelle Arbeitskräfte einen Platz finden, sich frei zu entwickeln. Doch wie lassen sich diese Vorhaben praktisch umsetzen?

Sicherheit und Effizienz sind die Grundlage einer international überzeugenden Stadt. Accelerate Cape Town unterstützt daher beispielsweise die Einhaltung internationaler Sicherheitsvorschriften und die Reduzierung schwerer Verkehrsunfälle. Um der Region ein grünes und schönes Image zu verschaffen setzt sich der Interessenverband unter anderem für die Wiedererschliessung des Camisa Flusses ein, so Guy Lundy. Der Fluss verbindet mit seiner Quelle auf dem Tafelberg und der Mündung im Atlantik beide Wahrzeichen Kapstadts miteinander. Eine sichtbarer Verbund von Berg und Ozean würde der Stadt ein grüneres und freundlicheres Antlitz verleihen. Derzeit befindet der Flussverlauf unterhalb des Stadtzentrums.

Ein anderes städteplanerisches Vorhaben ist die Errichtung eines Tunnels im Bereich der Foreshore. Auf diese Weise kann der gewerblich genutzte Teil erweitert und gewinnbringend genutzt werden. Aber auch aus Karrieregesichtspunkten bietet die Kapregion vielschichtige Möglichkeiten. Der Standort ist unter anderem für die Ölindustrie von besonderer Relevanz. Von erster Priorität für die gegenwärtige und zukünftige hiesige Wirtschaft ist daher die Talentförderung und Anreizschaffung für gute Arbeitskräfte in sämtlichen Wirtschaftszweigen. Weltweit stehen Städte im Wettbewerb um qualifiziertes Personal, insbesondere im Alter von 25 -34 Jahren. Talentierten Arbeitskräften folgt für gewöhnlich wirtschaftlicher Aufschwung und andere ökonomische Vorteile. Junges Toppersonal ist dieser Tage sehr mobil und selektiv im Hinblick auf den Arbeitsort. Wie eine US – amerikanische Umfrage ergab, suchen 64 % der amerikanischen Universitätsabsolventen erst nach der eigenen Standortauswahl nach einer Beschäftigung.

Insbesondere in Kapstadt sieht man sich mit einer starken Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte nach Johannesburg konfrontiert. Um diesem Trend entgegenzuwirken, unterhält Accelerate Cape Town unter anderem Projekte, die eine Verdoppelung der Akademikerbeschäftigung in der Region bis 2030 zum Ziel haben. Eine intensive Zusammenarbeit von hiesigen Interessenverbänden, der Handelskammer, der Universitäten und staatlichen Institutionen, wie beispielsweise dem Bildungsministerium, machen die Umsetzung der Unternehmung bereits jetzt ansatzweise erfolgreich. Im Hinblick auf infrastrukturelle Entwicklungen hat die Ausrichtung der Fussballweltmeisterschaft einen sichtbaren Aufschwung mit sich gebracht. Bislang verfügte die Region lediglich über einen rudimentären öffentlichen Personennahverkehr.

Zukünftig bietet ein neues Schnellbussystem (Bus Rapid Transit System) Einwohnern und  Touristen eine sicherere, schnelle, kostengünstige und gut vernetzte Fortbewegungsmöglichkeit innerhalb der Region. So hat ein weiteres Ziel der Vision 2030, nämlich auf lange Sicht einen Profit für die gesamte Kapstädter Gesellschaft zu schaffen, bereits erste Früchte getragen.

Wie uns Guy Lundy mitteilte, steht der Slogan für die Vision 2030 bislang noch nicht abschliessend fest. Die Bekanntgabe soll jedoch kurzfristig, in jedem Falle noch vor der Fussballweltmeisterschaft 2010, erfolgen. Das sportliche Großereignis ist eine einmalige Gelegenheit, Kapstadt und dessen Vision ins internationale Rampenlicht zu stellen. Präsentiert sich die Kapregion hier besonders positiv, so könnte das Projekt Vision 2030 eine weltweite Vorbildfunktion erlangen.

Für Kapstadt selbst ist die Vernetzung der hiesigen Universitäten, die Reduzierung der Kriminalitätsrate, die Umsetzung der städteplanerischen Projekte sowie eine gezielte und effiziente örtliche Talentförderung aus wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten von immenser Bedeutung.

Ziehen alle Beteiligten an einem Strang und nutzen die herausrangende landschaftliche Schönheit der Region für ihr Vorhaben, so dürfte der südliche Tiger (Southern Tiger) im Jahre 2030 das Motto der Region sein. Es ist aus lokalen wie auch internationalen Gesichtspunkten erstrebenswert, die Vision Kapstadts bis 2030 in die Tat umzusetzen.

Autor: Andeas Krensel - Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Wir danken IBN für die Erlaubnis der Veröffentlichung